Wollenweber Inovationen
Tieriesch schön
Naturprodukte sind gefragt wie nie zuvor. Dieter Wollenweber, einer der bekanntesten Hersteller von Naturhornbrillen, hat es jedoch geschafft, die natürliche Schönheit von Vogelfedern und Schildpatt in Brillen zu übersetzen. Selbstverständlich so, dass kein Tier dafür sein Leben lassen muss.
Es ist die Struktur der blaugrün-grauen Naturhornbrillenfassung, die sofort ins Auge, genauer ins Pfauenauge springt. Sollte hier tatsächlich eine echte Pfauenfeder zwischen zwei Naturhornschichten eingearbeitet worden sein? Auf der diesjährigen optica 2000 hatten diese Kostbarkeiten ihre Premiere. Nicht zum ersten Mal fiel ihr Schöpfer Dieter Wollenweber mit einer derart ungewöhnlichen Idee auf: Auch Mammutzähne hat er schon zu Brillenfassungen verarbeitet, und seine Kombinationen von Hanf, Fischhaut oder Straußenleder mit Naturhorn sind ebenfalls legendär. Und um die Anfangsfrage zu beantworten: Nein, es ist keine echte Pfauenfeder, die da in die Hornfassung eingearbeitet wurde...
Darüber, wie sein Verfahren funktioniert, lächelt Dieter Wollenweber allerdings nur. Und schweigt. Denn dann wäre auch das Geheimnis um die zweite Neuheit gelüftet, die er bislang allerdings nur einem ausgewählten Kundenkreis zeigte. Wer zu diesen Auserwählten gehörte, staunte nicht schlecht: Sollten in dieser kleinen Schatulle etwa Schildpattbrillen liegen? An diese Brillen aus den Panzern von Schildkröten - eines der ältesten Fassungsmaterialien überhaupt - können sich jüngere Augenoptiker kaum erinnern. Denn Anfang der 80er Jahre wurde seine Verwendung durch das Washingtoner Artenschutz abkommen verboten. Den berechtigten Interessen des Tierund Naturschutzes war damit zwar Genüge getan, aber mit dieser Verordnung verschwanden ganze Handwerkszweige, auch in der Augenoptik. Und wer - wie Dieter Wollenweber, der als Auszubildender noch die Verarbeitung von Schildpatt gelernt hat - jemals mit diesem Material arbeiten durfte, schwärmt noch heute von seinem unglaublichen Farbenreichtum. Warum also nicht das eine tun, ohne das andere zu lassen? Also die Schildpattfarben auf ein anderes Naturmaterial übertragen, das in Hülle und Fülle zur Verfügung steht - wie Naturhorn? Eine verführerische Idee, an der Wollenweber mehr als zehn Jahre lang immer wieder herumtüftelte. Er investierte knapp 30.000 Mark, bis er ein Verfahren zur Simulation von Schildpattfarben auf Naturhornbasis entwickelt hatte, das ihn, den Perfektionisten, selbst zufrieden stellte. „Damit bekommen wir selbst die feinsten Farbnuancen hin", erzählt er mit berechtigtem Stolz. Und verrät - um den allzu Neugierigen den Wind aus den Segeln zu nehmen - dass dafür nicht wie andernorts Folien oder Seiden verwendet werden. Denn dabei würde die gewünschte Dreidimensionalität der Schildpattstrukturen verloren gehen. Wie klar die Farben herauskommen, hängt in erster Linie von der Transparenz der obersten Hornschicht ab. Und das Ergebnis ist tatsächlich verblüffend.
Angesichts der Faszination für dieses neue Produkt drängt sich natürlich die Frage auf, ob man auf diese Weise nicht neue Begehrlichkeiten auf echte Schildpattprodukte weckt. Aber Dieter Wollenweber verneint dies: „In Deutschland sicher nicht, denn schließlich braucht man jetzt ja kein echtes Schildpatt mehr."
Die für solche Brillen in Frage kommende Kundengruppe ist klein, aber kaufkräftig und anspruchsvoll. Zwischen 300 und 500 Augenoptiker bedienen diese Nische in Deutschland. Und für die gibt es nur „Sekt oder Selters", denn im Gegensatz zu vielen handelsüblichen Fassungskollektionen, bei denen man aus sortimentspolitischen Gründen auch eben mal nur fürf Modelle einkauft, um einen entsprechenden Aufkleber an der Ladentür anbringen zu können, muss man in die Materie „Naturhornbrille" schon tiefer einsteigen: Die handwerkliche Verarbeitung in der Werkstatt ist aufwendiger, und um die „richtigen" Kunden zu bekommen und zu behalten, muss man eine Auswahl von mindestens 20 Modellen vorrätig haben. Denn jedes dieser Naturprodukte ist ein Unikat. Deshalb erhält der Kunde auch immer die Fassung, die der Augenoptiker im Laden hat und nicht irgend eine andere aus dem Lager des Herstellers. Dafür sind Naturhornbrillen beinahe unsterblich: Bei Bedarf werden sie kostenlos aufgearbeitet, und selbst, wenn einmal ein Teil bricht, ist durch die handwerkliche Fertigung auch nach Jahrzehnten noch eine Reparatur möglich. „Der Kunde, der eine solche Brille trägt, muss einfach zufrieden sein", erklärt Dieter
Wollenweber. Großartig steigern wird er seine Stückzahlen trotzdem nicht; der hohe Arbeitsaufwand fordert hier
einfach seinen zeitlichen Tribut, und automatisieren lässt sich die Hornbrillenfertigung nun einmal nicht. Aber weitertüfteln wird er. Und so könnte es passieren, dass irgendwann auch die Struktur von Schlangenhaut oder das Fell der Hauskatze als Vorbild für die Farbgebung einer exklusiven Brillenfassung dient. Die Frage ist dann nur: Wie kommt die Kundenkatze als Farbmuster in die Brillenmanufaktur?
